Michael Grandt
Pläne: Werden die USA Russland vernichten?

Plant Washington den »entwaffnenden Erstschlag«? Während im Weißen Haus neue Raketenabwehrsysteme verkündet werden, schlägt Moskau Alarm. Steuert die Welt auf eine neue, brandgefährliche Phase atomarer Eskalation zu?
Seit Jahren warnen russische Militärexperten vor der strategischen Planung Washingtons, die auf einen sogenannten »entwaffnenden Erstschlag« gegen Russland hinauslaufen könnte. Lange galten solche Szenarien als rhetorische Zuspitzung im geopolitischen Schlagabtausch.Doch nun wird der Ton schärfer.
Senator Dmitri Rogosin, ehemaliger Chef der Raumfahrtbehörde Roskosmos und heute Mitglied des Föderationsrates, erklärte unlängst: Die russische Staatsführung rechne ernsthaft mit einem solchen Szenario eines heißen Krieges. Die Aussage fällt in eine Phase wachsender Spannungen und steht im Schatten neuer US-Pläne zur Raketenabwehr.
Golden Dome – Schutzschild oder Drohung?
Bereits am 20. Mai 2025 hatte US-Präsident Donald Trump im Oval Office ein nationales Raketenabwehrsystem unter dem Namen Golden Dome angekündigt – ein Schutzschild gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper. Offiziell geht es um Verteidigung. Doch in Moskau wächst der Verdacht, dass solche Systeme nicht nur defensiven Charakter besitzen. Rogosin beschreibt ein strategisches Konzept, das über bloße Abschreckung hinausgeht. Ziel sei es, im Fall eines Konflikts den Schaden auf amerikanischem Territorium so weit wie möglich zu minimieren, indem die nuklearen Vergeltungsmöglichkeiten Russlands vorab ausgeschaltet würden.
Der »entwaffnende Erstschlag«
Nach Rogosins Darstellung arbeiteten die USA an komplexen Angriffsszenarien, die traditionelle Luftverteidigungssysteme überlasten sollen. Dabei kämen Marschflugkörper, schwere Langstreckendrohnen und synchronisierte Anflugrouten zum Einsatz. Als potenzielle Angriffsrichtungen nennt er die Arktis, den Westen Russlands und mögliche Vorstöße aus dem ukrainischen Raum.
Durch koordinierte Angriffe auf Luftabwehrstellungen solle die russische Verteidigung gezwungen werden, ihre Raketenreserven gegen zahlreiche, teils sekundäre Ziele einzusetzen. Anschließend könnten strategisch entscheidende Einrichtungen mit hochpräzisen, nicht nuklearen Waffen getroffen werden. Im Fokus stünden Standorte der politischen und militärischen Führung, strategische Raketentruppen, Stützpunkte der Atom-U-Boot-Flotte sowie die Energie- und Verkehrsinfrastruktur. Ziel sei die »Desorganisation der Staatsführung«, die Unterbrechung interner Kommunikationslinien und die Reduzierung des Zweitschlag potenzials.
Der Zweitschlag als Schlüssel der Abschreckung
Im Zentrum dieser Debatte steht ein Begriff, der seit Jahrzehnten das atomare Gleichgewicht bestimmt: Zweitschlagfähigkeit. Solange beide Seiten in der Lage sind, nach einem Angriff verheerend zurückzuschlagen, bleibt der Einsatz von Atomwaffen politisch irrational. Wird jedoch das Gegenschlagpotenzial neutralisiert oder als neutralisierbar eingeschätzt, verändert sich die strategische Kalkulation. Rogosin argumentiert, die USA versuchten, das russische Zweitschlagpotenzial so weit zu reduzieren, dass ein verbleibender Gegenschlag »kontrollierbar« erscheine. Kontrollierbar bedeutet in dieser Logik: Der verbleibende Schaden wäre hoch, aber politisch als hinnehmbar kalkulierbar.
Die NATO-Raketenabwehr und die Geografie der Macht
Russische Analysten verweisen in diesem Zusammenhang auf den Ausbau der NATO-Raketenabwehr in Polen und Rumänien, die strategische Bedeutung Grönlands und die zunehmende militärische Verzahnung mit der Ukraine. Aus Moskauer Perspektive entstehe so ein Gürtel aus Frühwarn- und Abwehrsystemen entlang der russischen Peripherie. Ob diese Systeme primär defensiven oder potenziell offensiven Charakter besitzen, ist Gegenstand intensiver Debatten unter Sicher-heitsexperten. Rogosin deutet sogar an, dass territoriale Fragen – etwa rund um Grönland – in strategische Raketenabwehrkonzepte eingebettet sein könnten.
Der Weltraum als neue Front
Ein weiterer Punkt in Rogosins Analyse betrifft den Weltraum. Er warnt vor der Entwicklung manövrierfähiger Offensivsysteme, die außerhalb der Atmosphäre operieren könnten und nach russischer Einschätzung für bestehende Luft- und Raketenabwehrmittel schwer abfangbar wären. Auch westliche Strategiepapiere sprechen zunehmend von »Multi-Domain Warfare«, also der Verknüpfung von Land-, Luft-, Cyber- und Weltraumoperationen. Der Orbit gilt längst nicht mehr als neutraler Raum.
Die Rückkehr der Unsicherheit
Bestärkt fühlt sich Rogosin durch die stockenden Gespräche über strategische Rüstungskontrolle. Die Zukunft des START-Vertrags ist ungewiss. Verifikationsmechanismen wurden eingeschränkt und gegenseitige Inspektionen ausgesetzt.
Während Washington auf sicherheitspolitische Spannungen verweist, interpretiert Moskau die mangelnde Bereitschaft zu einer umfassenden Verlängerung als Indiz für neue strategische Kalkulationen. Ohne verbindliche Transparenz steigt die Unsicherheit – und mit ihr das Misstrauen.
Zwischen Abschreckung und Eskalation
Die Frage, ob die USA tatsächlich eine aktive Planung eines entwaffnenden Erstschlags verfolgen, bleibt Gegenstand politischer und militärischer Bewertung. Westliche Regierungen betonen regelmäßig den defensiven Charakter ihrer Systeme und verweisen auf die Abschreckung gegenüber »Schurkenstaaten«. Russische Stimmen sehen hingegen eine schrittweise Erosion des strategischen Gleichgewichts. Fest steht: Je stärker eine Seite versucht, sich gegen jeden denkbaren Gegenschlag abzusichern, desto größer wird aus Sicht der anderen Seite der Druck, neue Offensiv- oder Durchbruchstechnologien zu entwickeln. So entsteht ein Kreislauf aus Aktion und Reaktion.
Die Schwelle zum »heißen« Konflikt
Die größte Sorge vieler Experten ist nicht der unmittelbare Einsatz von Atomwaffen, sondern die schleichende Verschiebung strategischer Denkweisen. Wenn politische Eliten beginnen, zu glauben, ein Gegenschlag sei technisch kontrollierbar oder begrenzbar, verändert sich die Risikowahrnehmung.
Rogosin warnt, dass unter solchen Voraussetzungen Entscheidungsträger versucht sein könnten, ein Eskalationsrisiko einzugehen, das zuvor als undenkbar galt.
Ob diese Einschätzung realistisch oder überzeichnet ist, wird kontrovers diskutiert. Die Debatte zeigt aber vor allem eines: Das strategische Gleichgewicht der letzten Jahrzehnte befindet sich im Wandel. Neue Technologien, Raketenabwehrsysteme, Hyperschallwaffen und Weltraumkomponenten verändern die Parameter klassischer Abschreckung.
Die Frage lautet daher nicht nur, wer angreifen könnte, sondern auch, wer glaubt, einen Gegenschlag überstehen zu können.
In diesem Spannungsfeld bewegt sich die aktuelle Diskussion. Zwischen politischen Warnungen, militärischen Planspielen und realen Rüstungsprogrammen steht die Welt erneut vor einer Phase erhöhter strategischer Unsicherheit. Und genau das ist es, was in Moskau – wie Rogosin offen sagt – nicht mehr als theoretische Möglichkeit betrachtet werde, sondern als Szenario, auf das man sich vorbereiten müsse.
Dieser Beitrag ist zuerst in KOPP Exklusiv (Ausgabe 14/26) erschienen.
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Sonntag, 05.04.2026

